In seiner nüchternen Betrachtung „Religion – angesichts der Grenze des Lebens“ anlässlich der diesjährigen AGP-Versammlung zum Thema „Religion“ erwähnt Edgar Utsch in den SOG-Papieren 14/3 am Schluss ein höchst problematisches Verständnis des christlichen Glaubens „angesichts des Todes“. Wörtlich heißt es: „Die von der Religion geforderte Zurückhaltung ist einerseits Ausdruck ihrer bleibenden Fremdheit, die auch durch eine noch so „zeitgemäße“ Sprache nicht aufgehoben, sondern gerade zum Ausdruck gebracht wird. Sie ist andererseits eine angemessene Form achtsamen Ernstnehmens der Tatsache, dass auch für gläubige Christen die Frage des „Lebens nach dem Tod“ eine radikal offene ist, so dass sie ihr Leben auch ohne ein „ewiges“ nicht als gescheitert, als nicht erfüllt oder als „zu kurz geraten“ ansehen würden.“

Man fragt sich, wie muss die Folgerung aus der „Tatsache, dass auch für gläubige Christen die Frage des „Lebens nach dem Tod“ eine radikal offene ist“, verstanden werden? Es heißt im vorliegenden Text: „so dass sie (die gläubigen Christen) ihr Leben auch ohne ein „ewiges“ nicht als gescheitert, als nicht erfüllt oder als „zu kurz geraten“ ansehen würden.“ Mir scheint, für gläubige Christen liegt eine andere Folgerung näher, nämlich: dass die Betreffenden ihr Leben in diesem Fall tatsächlich als gescheitert ansehen müssen, unbeschadet möglicher Erinnerungen, auf der Erde manche glücklichen Stunden verbracht zu haben. Immerhin versichert Paulus 1 Kor 15,19: „Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen.“

Aus meiner Sicht stellt sich deshalb die Frage, ob ohne die Hoffnung auf ein „ewiges“ Leben der christliche Glauben bestehen kann. Ohne Zweifel ist auch für gläubige Christen die Frage des „Lebens nach dem Tod“ eine radikal offene. Man konnte es glauben oder nicht: Uns Christen wurde aber verkündet, dass wir am Ende der Tage nicht nur als einzelne bei Gott (im sog. ewigen Leben, bzw. lt. Nizänum: „in der kommenden Welt“) die Vollendung finden. Wir erwarten auch, dass dort bzw. dann der seit Menschengedenken auftretende Hunger und Durst nach (weltweiter) Gerechtigkeit endgültig gestillt wird.

Wenn jedoch ein „Leben nach dem Tod“ ausbleibt, ist die „Erfüllung“ unseres irdischen Lebens in diesem Sinne kaum denkbar. Noch weniger ist nach christlichem Glauben auch nur vorstellbar, zuvor ein rundum „erfülltes “ Leben führen zu können. Selbst Karl Marx verstand die Religion deshalb auch als „Protestation gegen das wirkliche Elend“. Entscheidend für Gläubige und Ungläubige dürfte wohl sein, unter welchen Bedingungen, sie auf Erden leben konnten und leben können. Für manche gibt es schon heute den „Himmel auf Erden“, so dass sie ihn nicht besser glauben erwarten zu können.

Für Unzählige andere sieht die Welt jedoch anders aus, sie leben wirklich in einer anderen Welt. Bald täglich überstürzen sich aus allen Himmelsrichtungen Katastrophenmeldungen. Wir erfahren von Menschen in äußerster Not und von deren elendem Schicksal. Ob sie ohne die verzweifelte Hoffnung auf ein völlig anderes Leben auskommen können, weil sie vielmehr ihr augenblickliches Leben als nicht gescheitert, als erfüllt oder als nicht „zu kurz geraten“ ansehen“ können? – Niemals werde ich ein Fresko in Florenz von ca. 1360 vergessen können, das eine Gruppe von Bettlern zeigt, die den Tod herbeisehnen: „Komm, o Tod, du Medizin gegen alle Schmerzen, und reiche uns unser letztes Brot.“ Auch hierzulande ist die Diskussion um die sog. Euthanasie nicht zu überhören angesichts einer häufig einseitig nur auf bloß biologisches Überleben zielenden Medizin. Haben wir die Klage Hiobs noch nie gehört, der in Verzweiflung ausruft (3,3 und 11): „Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, die Nacht, die sprach: Ein Mann ist empfangen Warum starb ich nicht vom Mutterschoß weg, kam ich aus dem Mutterleib und verschied nicht gleich?“ Von Fjodor Michailowitsch Dostojewski haben wir die Schilderung eines Ivan Karamasow, der angesichts auf Erden gequälter Kinder ausruft: „Es ist überhaupt nicht unseren Vermögensverhältnissen angemessen, so viel für das Eintrittsbillett [in diese Welt] zu zahlen. Deshalb beeile ich mich auch, mein Eintrittsbillett zurückzugeben.“

Kurzum: Ob wir Menschen eine Zukunft haben werden, die wir als Christen seit Jahrhunderten mit der Erwartung eines „ewigen Lebens“ bzw. einer Auferstehung verbinden, weiß ich nicht. Eine solche Hoffnung leichthin für verzichtbar zu halten, ist jedoch für einen gläubigen (!) Christen nicht vertretbar.

Kann es nicht sein, dass die Vertreter der Kirche zu oft im Brustton der Überzeugung von einem bevorstehenden Wiedersehen mit den Verstorbenen „im Himmel“ und damit zu erwartenden persönlichen Glück in der Ewigkeit beim „lieben Gott“ gepredigt haben, dass damit falsche Sicherheiten geweckt wurden, die aber brüchig sind? Naheliegend wäre auch, dass eine solche „Pastoral“ oft dazu geführt hat, über ungerechte Verhältnisse im Alltag hinwegzutrösten statt für eine Veränderung zu kämpfen. Zugleich konnte darüber auch die Hoffnung auf Gerechtigkeit für alle ihre Kraft verlieren.

Ein bitteres  Ergebnis!  cp