Wenn man heutzutage versucht, sich ein Bild davon zu verschaffen, wie viele Menschen mit dem Thema „Tod“ umgehen, wird man kaum zu einem einheitlichen Ergebnis kommen. Selten erwähnt, aber unübersehbar ist die Tatsache, daß in diesem Zusammenhang religiöse Motive, die lange Zeit dominierend waren, nur selten eine Rolle spielen. In privaten Zusammenhängen trifft man meistens auf Versicherungen derart, der Verstorbene würde im Gedächtnis oder der Liebe der trauernden Hinterbliebenen weiterleben. Offizielle, wie amtliche Nachrufe beschränken sich in der Regel drauf, die Verdienste des (oder der) Verstorbenen hervorzuheben. Das Thema Tod wird geflissentlich bei der Gelegenheit vermieden.

Auffällig ist besonders, wie erwähnt, daß die zahlreichen Motive, die lange Zeit anläßlich des Todes in der religiösen Tradition vorherrschend waren, fast völlig verschwunden sind. Man denke etwa an die Erwartungen des Himmels, statt einer Hölle oder des Fegefeuer. Im Vordergrund standen meist Erwartungen oder vermutete Gewißheiten, daß die Verstorbenen mit den Hinterbliebenen wieder vereint würden, wenigstens, daß man einander wiedersehen werde. Im Unterschied zu solchen mehr privaten Motiven (deren Veränderungen in den letzten Jahren von der Theologie meines Wissens kaum untersucht wurden) stehen Beispiele, die mehr weitere Dimensionen und damit zwangsläufig auch die Frage nach Gott ernstnehmen.

Besonders beachtenswert sind Bemühungen der Nachkriegszeit, eine Antwort zu finden auf die quälende Frage, ob die unschuldigen Opfer der Naziverfolgung und des Krieges, wie die Opfer früherer Zeiten endgültig verloren und vergeblich gewesen seien. Erschütternd ist etwa die Klage eines Vertreters dieser Generation, zum Beispiel von Max Horkheimer im Jahr 1968 (Kritische Theorie):

Der Gedanke, dass die Gebete der Verfolgten in höchster Not, dass die der Unschuldigen, die ohne Aufklärung ihrer Sache sterben müssen, dass die letzten Hoffnungen auf eine über-menschliche Instanz kein Ziel erreichen und dass die Nacht, die kein menschliches Licht erhellt, auch von keinem göttlichen durchdrungen wird, ist ungeheuerlich.

Gewiß kann kein Sterblicher auf derartige Klagen eine wirkliche Antwort geben. Ein endgültiger Verzicht auf vergleichbare Fragen und Klagen steht andererseits uns Menschen ebensowenig zu. In der Beziehung sind wir nicht besser dran als die Menschen längst vergangener Zeiten, denen die Welt noch rätselhafter erschien als uns Heutigen. Besonders deutlich ist das Zeugnis aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, von Heraklit aus Ephesus:

Wenn das Unerwartete nicht erwartet wird, wird man es nicht entdecken da es dann unaufspürbar ist und unzugänglich bleibt.“ (DK22 B8)
B27 verdeutlicht: den Menschen würde im Tod erwarten,was sie weder erhoffen noch vermuten.

Können wir Zeitgenossen mehr als nur äußerst zaghaft hoffen, daß die unschuldigen Opfer der Geschichte nicht endgültig verloren sind?